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"Nokan" (Okuribito, Japan, 2008)

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"Nokan" (Okuribito, Japan, 2008)

Beitrag von ein_irrlicht am Di 15 Sep 2015 - 20:02

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Herstellungsland: Japan
Erscheinungsjahr: 2008
Regisseur: Yôjirô Takita
Darsteller: u.a. Masahiro Motoki, Tsutomu Yamazaki, Ryôko Hirosue
Länge: ca. 130 Minuten


Pechvogel Daigo hat seine Stelle als Cellist verloren und kehrt zurück in die Heimat
im Norden Japans. Ein "Reise"-Büro will ihn anstellen. Daigo kann sein Glück kaum fassen,
da erfährt er die  wahre Natur seines Geschäftes: Er soll Verstorbene nach altem
Nokan-Ritual für die letzte Reise vorbereiten ... Daigo ist entsetzt. Ein Batzen Geld stimmt
ihn um. So nimmt das ländliche Leben im Wechsel zwischen tröstlichem Zeremoniell und
nächtlichem  Eheglück seinen Lauf -  bis seine Frau Mika die Wahrheit entdeckt und ihn
vor die Wahl stellt: Hör auf damit - oder ich gehe! ...



Epilog:
Eine winterliche Landschaft, kahle Bäume und schneebedeckte Felder; eine schmale Strasse schlängelt sich hindurch, auf ihr ein Wagen. In ihm sitzen schweigend und mit nachdenklichem Gesichtsausdruck zwei Männer...


1. Szene:
Eine Trauerzeremonie wird in ruhigen, harmonischen Bildern gezeigt; eine Familie nimmt Abschied von einem geliebten Menschen. Stille.


Rückblende/ Beginn


Die Musiker eines Tokyoter Orchesters sitzen im rückwärtigen Teiles eines Konzertsaales, die Aufführung ist beendet, leider war auch diesmal kaum Publikum zu Gast.

"Der Eigentümer des Orchesters möchte heute einige Worte an Sie richten."
Ein älterer Herr tritt vor:
"Das Orchester wird aufgelöst."

Aprupt endet das beschauliche und sichere Grossstadtleben unserer Hauptfigur Daigo (Masahiro Motoki); perspektivenlos, arbeitslos - sein neuerworbenes Musikinstrument, ein Cello, ist noch nichteinmal ansatzweise abbezahlt. Den Kredit kann er nun nicht mehr bedienen.
Am selben Tag bekommt seine Frau von ihren Nachbarn ein Abendessen, einen Tintenfisch, geschenkt. Während der Zubereitung stellen sie fest, dass dieser noch lebt. Schnell fahren die beiden an einen Fluss, natürlich wollen sie das Tier retten - doch es ist zu spät, erneut eine Niederlage, der Tintenfisch schwimmt tot auf der Wasseroberfläche davon ...
Daigo sieht sein Leben mit ihm davon gleiten, er entscheidet sich zusammen mit seiner Frau in sein altes Heimatdorf zurückzukehren und dort einen neuen Anfang zu versuchen.

Am nächsten Tag bringt er sein Cello in den Laden zurück und empfindet dies als Befreiung:
"War das, was ich für meinen Lebenstraum gehalten hatte, gar ein Selbstbetrug ?"

Mit diesem Gedanken geht Daigo bald darauf, nun wieder im alten Haus seiner Familie,
auf Anstellungssuche. Ein Zeitungsartikel erregt seine Aufmerksamkeit: "Wir beraten und planen ihre Reise." liest er vor "Klingt nach einem Reisebüro." Das Bewerbungsgespräch ist bereits nach wenigen Augenblicken zu Ende, Daigo bekommt vom Chef (Tsutomu Yamazaki) direkt eine Zusage.

Daigo: "Äh, was ist das denn nun für eine Arbeit ?"
Chef: "Leichen aufbahren und einsargen."
Daigo: "Mit Leichen ... meinen Sie tote Menschen ?" ... "In der Anzeige stand, es handele sich um ein Reisebüro."


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Der Chef erklärt ihm, dass es sich dabei um einen Druckfehler handeln würde, die "NK-Agentur" bedeute NoKan = Aufbahrung. Daigo lehnt zunächst ab, die Aussicht auf ein sehr gutes Gehalt lässt ihn jedoch seine Meinung ändern. Seiner Frau teilt er nicht mit, um was für eine Anstellung es sich in Wirklichkeit handelt, er weiss, sie würde nicht einverstanden sein.

Sein "1. Auftrag" besteht zunächst aus der Mitwirkung in einem Lehrfilm zum Thema Bestattungen und Aufbahrung; auf diese Weise wurde die Erklärung des Begriffes bzw. Darstellung japanischer Begräbniszeremoniells in den Film implementiert. Man erfährt nun mehr über den Hintergrund so genannter Waschungen sowie Einkleidungsriten. Dies geschieht aber nicht ausufernd und mit sehr viel Humor .. wer den Film sieht, wird es verstehen :D

Nun ist auch Daigo, zumindest theoretisch gewappnet für seinen ersten richtigen Einsatz, irgendwo zwischen Brechreiz, Ekel, Respekt vor seinem Vorgesetztem und dem Tragen seiner ersten echten Leiche, beginnt er zu zweifeln, ob dies nun wirklich sein neuer 'Beruf' sein soll. Ernüchtert und mit dem Geruch der Toten behaftet, flüchtet er in ein Badehaus, welches er noch aus früherer Zeit kennt. Später findet er sein altes Musikinstrument und mit ihm viele Erinnerungen aus seiner Kindheit sowie an seinen Vater, der seine Mutter und ihn wegen einer anderen Frau verlassen hat.


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Während Daigo mit jedem weiteren Arbeitstag, den er mit seinem Chef verbringt mehr und mehr in dessen Welt hineintaucht, wandelt sich seine anfängliche Abscheu in tiefen Respekt und Verständnis für diesen als auch den 'Nokan' an sich. Die Zeremonien werden vor der Familie in absoluter Ruhe und schon beinahe Schönheit gestaltet, obwohl es diverse Szenen dieser Art gibt, wird das Gezeigte nie langweilig; kleine Missgeschicke und alle nur möglichen Variationen im Verhalten der Angehörigen zaubern immerwieder ein Schmunzeln auf das Gesicht des Zuschauers. Untermalt von wunderbaren Celloklängen bringt einem der Film die Andersartigkeit des Abschiedes eines weit entfernten Kulturkreises näher.


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Schliesslich findet Daigos Frau heraus, welcher Arbeit er nun nachgeht und bezeichnet ihn als 'unrein', ehemalige Freunde wenden sich ab und raten, er solle sich eine 'anständige' Arbeit suchen. Hier schliesst sich der Kreis um ein Tabuthema, jeder benötigt diese Art Hilfestellung, doch niemand schätzt die Personen, die dies ermöglichen. Voller Unverständnis wendet sich Mika, Daigos Frau, von ihm ab, kehrt später jedoch zurück, immernoch mit dem Wunsch, er möge in seiner Firma kündigen. Daigo tut dies jedoch nicht, er hat inzwischen seine Berufung gefunden.


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Mit dem Tod einer Bekannten bzw. Mutter eines ihn ablehndes Freundes kommen endlich alle wieder gemeinsam zusammen, die sich doch bereits solange kannten. Daigo soll nun die Aufbahrung durchführen, die bisherige Abscheu wird während dieses Aktes durch Dankbarkeit und Anerkennung ersetzt. Wie weitere Charaktere in die Handlung verknüpft sind, erfährt man nun ebenfalls, fast am Ende des Filmes. Es gibt noch einen weiteren 'grösseren' Handlungsstrang, der evtl. etwas zu präsent ist, allerdings zu der Stimmung des Filmes passt. Familie, Verlust, Liebe, Hoffnung und Freundschaft sind wohl die am meisten durchklingenden Attribute von 'Nokan'.


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Insgesamt betrachtet wirkt der Film sehr menschlich, anrührend und ergreifend. Obwohl das behandelte Thema sich als sehr traurig entpuppt, beinhaltet die Inszenierung viele unaufdringlich Momente, die einen zum Schmunzeln bringen. Die Darsteller erweisen sich als Glückgriff, ein Overacting, wie man es aus vielen Asiatischen Filmen kennt, gibt es hier zum Glück nicht.
Fantastische Bilder, wunderbare Klänge und die Ruhe, die der Film ausstrahlt machen Nokan zu einem grossartigen Filmerlebnis. Allerdings sollten die Taschentücher möglichst in Reichweite liegen ..

Sah diesen Film kürzlich zum wiederholten Male ... immernoch wunderschön.

9,5/10 Steinbriefe


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ein_irrlicht
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Re: "Nokan" (Okuribito, Japan, 2008)

Beitrag von Gast am Do 24 Sep 2015 - 13:45

Mir war dieser Film bislang unbekannt. DIese mit
Kompetenz und spürbarer Begeisterung verfasste Rezension
weckt mein Interesse.
Ich hege eine Schwäche für Filme abseits des Mainstreams.
Das Kino vermag, einem fremde Kulturen nahezubringen und
zu verstehen. So man sich darauf einlässt, wird der interessierte Cineast mit manch bislang unbekannter Perle
belohnt.
Vielen Dank für diesen Filmtipp !

ro7

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